KANADA! Wir sind endlich angekommen!
Vorbereitung - Ankunft - und die ersten 18 Monate!
1. September 2008 – endlich war es soweit. Seit sechs Jahren hatten wir auf unsere Papiere gewartet. Unsere Immigration-Agency hatte immer und immer wieder weitere Papiere und Nachweise für das Antragsverfahren angefordert und das Verfahren zog und zog sich hin. Aber nun - nach einem wirklich endlos erscheinenden kanadischen Prüfungsakt sind wir endlich da!
Wir hatten in den letzten 7-8 Jahren schon oft mit unseren Verwandten und Freunden darüber gesprochen, was wir vorhaben und was uns bewegt, in diesem Land einen neuen Start zu wagen. Wir hatten erzählt von unseren Erlebnissen und dem Gelernten auf den langen „Scout-Tours“ kreuz und quer durch Kanada, durch alle Provinzen, immer mit dem Fahrzeug, und auch auf den Nebenstraßen, damit wir auch möglichst alles sehen, was es in Kanada zu sehen gibt. Über die Jahre bildeten sich viele Freundschaften zu Kanadiern. Und es gab sogar Studienfreunde, die es vor vielen Jahren hier schon versucht – und schließlich auch geschafft haben. All jene hatten wir so oft besucht, und durch zahllose Gespräche vieles erfahren, was in keinem Kanada-Führer zu finden ist. Aber auch das Internet hatten wir durchforstet. Zahllose Erfahrungsberichte, Erfolgsstorys, aber auch wirklich viele Katastrophenberichte gelesen und alles uns wichtig erscheinende ausgedruckt und systematisch abgeheftet – viele Ordner voll.
Und je weiter wir Informationen sammelten, desto sicher wurde unser Entschluss: Wir wollen nach Kanada! Hier gab es noch Land, hier gab es ein relativ sicheres Wirtschaftssystem, eine relative gesunde Natur, ein relativ gutes Schul- und Bildungswesen (in der PISA-Studie auf Platz 2 / Deutschland Platz 29 – gleich hinter Rumänien), relativ gute unternehmerische Chancen, relativ sichere politische Verhältnisse, und auch die relativ positiven demographischen Zahlen ließen mich mit Hinblick auf die Zukunft unserer Kinder ruhiger schlafen.
Ja, vieles war relativ – denn es gab auch „Minuspunkte“ für Kanada in unserer eigenen Bewertungsskala, aber wo – in welchem Land – gab es die nicht? Hier in Kanada, und darauf kam es an, gab es eben viel mehr Plus- als Minuspunkte. Wir erkannten auch schnell, dass jede Provinz ganz unterschiedliche Regelungen und Anforderungen hat. Und dass man sich die „teuren Provinzen“ wie z.B BC (unsere eigentliche „Wunsch-Provinz“) nicht ohne ausreichenden finanziellen Rückhalt leisten sollte. Wir haben in unseren kanadischen Urlaubstrips viele Freundschaften gemacht – die meisten davon waren alt eingesessene Kanadier. Von vielen der Deutschen, die wir hier antrafen, hatten wir den Eindruck, dass sie froh waren, nichts mehr mit anderen Deutschen zu tun zu haben, wohl aus Enttäuschung über das in Deutschland erlebte. Einige waren auch ganz offensichtlich nur darauf aus, die Neuankömmlinge erst mal ordentlich „abzukochen“. Eine gesunde Skepsis ist daher immer angebracht. Oder wie mein Großvater immer sagte: „Fürchte Sturm und fürchte Wind, und Deutsche, die im Ausland sind!“ Nun ja, nun war ich selbst ein Deutscher im Ausland, aber irgend etwas wird schon dran sein an diesem Sprichwort. Wir kennen hier viele Deutsche – viele Verwandte und Freundschaften, die sich entwickelt haben und sind immer noch offen für neue Kontakte – aber wir sind auch vorsichtig!
In den sechs Jahren des Wartens auf die PR hatte sich in Kanada unterdessen vieles positiv für uns entwickelt. Viele Verwandte, mit denen wir ausführlich unsere Pläne besprochen hatten, waren auch sehr unzufrieden mit den Zuständen und Möglichkeiten in Deutschland gewesen. Sie hatten kurzerhand selbst ihre Anträge gestellt, und hatten – da sie überwiegend in gesuchten Handwerkerberufen ausgebildet waren – wesentlich schneller ihr PR’s bekommen als wir. Sie hatten schon ihre Häuser erfolgreich verkauft und waren in den letzten 5 Jahren alle hier angekommen und hatten sich bereits etabliert.
Als diejenigen, die alles in Bewegung gesetzt hatten, waren wir nun schon fast als das Schlusslicht unserer Familienkarawane endlich auch hier angekommen. Bei einem deutschen Betriebswirt war der Bedarf in Kanada wohl nicht so groß, also hatten wir warten müssen. Schließlich hatte ich in den letzten Jahren in Deutschland als Berater und gleichzeitig als ausführender Geschäftsführer einige Hotels und Tagungszentren in Deutschland erfolgreich saniert und gemanagt, und so durfte ich dann schließlich über den in der „Occupationlist“ ausgeschriebenen „Accommodationmanager“-Beruf herein gekommen.
Die ersten Schritte wurden noch von der Immigration-Agentur begleitet. Also waren der Container, die Beantragung von SIN-Nr. und Manitoba-Health-Card kein Problem. Eigentlich hatte man uns bei der Immigration-Agentur fest zugesagt, einen Job für uns zu haben. Das war u.a. eine Voraussetzung für die PR, aber leider hat sich dann der betreffende Arbeitgeber wohl unter diffusen Gründen anders entschieden. Nach Rücksprache mit Freunden verstanden wir schnell, dass die Immigration-Agenturen keine Jobvermittler sind. Sie besorgen zwar Bedarfs-Unterschriften von Arbeitgebern, aber verlassen kann man sich eben darauf nicht, da die nur an der Vermittlung von Visa‘s Interesse haben.
So war dann alles andere unsere eigene Sache. Da wir für die ersten Tage bei Verwandten wohnen konnten, das aber natürlich kein Dauerzustand sein konnte, suchten wir uns erst einmal in der Nähe unserer Verwandten – im Raum Steinbach - ein Haus zum anmieten. Das stellte sich schwieriger heraus, als wir uns das dachten. Viele Vermieter wollen nämlich vom vorherigen Vermieter eine Referenz haben, und so etwas konnten wir natürlich nicht vorweisen. Andere Vermieter lehnten bereits am Telefon ab, als sie hörten, dass wir viele kleine Kinder, einen großen Hund und eine Katze haben. Schließlich klappte es aber doch, ein hübsches Häuschen kurz vor Weihnachten anzumieten. Bei Minus 25°C zogen wir schließlich in unser neues Zuhause ein. Das rückwärts mit dem LKW den durch einen tief verscheiten Wald geschlängelten Driveway zum Haus heran fahren - bei dichtem Schneetreiben - war nur eines der vielen kleinen Abenteuer, die wir dabei zu bewältigen hatten. Weihnachten konnten wir dann aber schon mit unseren Kindern im „eigenen“ Zuhause feiern.
In der Winterzeit ist das geschäftliche Leben in Manitoba etwas „eingefroren“. Viele Manitobaner, die es sich leisten können, gönnen sich dann wohl eine Auszeit in Mexico oder woanders, wo es wärmer ist. Es gibt zwar auch im Winter einige Jobangebote, aber meistens werden Winter-Arbeiter gesucht, nichts war auf jeden Fall auf Kaufleute ohne kanadische "Experience" ausgerichtet. Wir hatten das aber auch nicht anders erwartet und hatten deshalb für die ersten Monate ein kleines finanzielles Polster mitgebracht. Im Frühjahr konnte ich dann einen kleinen Beratungsauftrag an Land ziehen – ein kleiner Golf-Club mit finanziellen Schwierigkeiten – und etwas später folgte dann auch schon ein Geschäftsführungsjob eines kleinen Beherbergungsbetriebes in Winnipeg. Nichts besonderes, aber ein erster Anfang, um die Unterschiede zwischen Deutschland und Kanada kennen zu lernen.
Im unserem ersten Jahr stolperten wir, obwohl wir doch dachten, soviel von Kanada zu wissen, immer wieder von einer kleinen Überraschung zur anderen. Zum Beispiel das Thema „Kredit-Historie“. In Deutschland ist man kreditwürdig, wenn man möglichst keine anderen Kredite hat, keinen Negativ-Eintrag in der Schufa und ein regelmäßiges Einkommen. Hier in Kanada ist das völlig anders. Hier braucht man eine Kredit-Historie (in Kanada!). Das bedeutet, erst wenn man eine Zeit lang zum Beispiel eine kanadische Kreditkarte benutzt hat (etwa 2 Jahre), dann können die Ratingagenturen ein ausreichendes Kreditrating bestätigen. Das heisst, ohne einen laufenden und ordentlichen Kredit, bekommt man keine Bewertung und ohne Bewertung bekommt man keinen Kredit. Die Lösung dieses „Kreis-Problems“ heisst, erst einmal eine „kleine“ begrenzte Kredit-Karte nehmen (abgesichert durch einen entsprechenden Hinterlegungsbetrag) und über einen längeren Zeitraum damit arbeiten.
Natürlich ist das System sehr hinderlich, wenn man sich zum Beispiel als Einwanderer ein Haus finanzieren möchte. In der Regel ist das dann nur möglich, wenn man mindestens 20% Eigenkapital als Anzahlung für das Haus mitbringt, sowie die Bürgschaft eines anderen Kreditnehmers, der selbst über ein entsprechendes Kreditrating verfügt. Das hatten wir so bisher zuvor nicht gewusst, weshalb es dann doch ein Jahr gedauert hat, bis wir endlich unser Haus finanzieren lassen konnten.
Die Arbeitswelt ist in Kanada etwas klarer und gradliniger. Wird man gebraucht, hat man schnell einen Job. Wird man nicht mehr gebraucht, ist man den Job aber auch genauso schnell wieder los. „No hard feelings, it‘s just a job!“ Eine Besonderheit gibt es dann doch in Kanada. Im Gegensatz zu Deutschland ist es absolut üblich, dass sich der neue Arbeitgeber bei dem vorherigen Arbeitgeber telefonisch erkundigt, wie man so war. Man sollte also immer zusehen, dass man mit einem guten Einvernehmen aus dem letzten Job ausscheidet, ansonsten kann es unter Umständen lange dauern, bis man etwas Neues findet. Wurde man unverschuldet arbeitslos, dann gibt es dagegen eine Versicherung, nämlich die kanadische Arbeitslosenversicherung. Die ersten 14 Tage sind das „Deductable“, der eigene Versicherungs-Selbstbehalt – da gibt es nichts – dann etwa 60% des vorherigen Gehaltes, maximal aber 440 $ pro Woche. Das Arbeitslosengeld, die sogenannte EI (Employer Insurance) wird anteilig etwa so lange gezahlt, wie man in Wochen dann auch tatsächlich gearbeitet hat. Außerdem gibt es hier in Kanada ein im Vergleich zu Deutschland geradezu tolles Kindergeld. Jobs findet man im Internet überall, aber man muss sich – um einen zu bekommen - wirklich fortwährend fleissig bewerben, und bekommt bei höchstens 1-2% eine Antwort. Hat man keine kanadische Arbeitsberechtigung (PR o.ä.) kann man sich das bewerben sparen, denn niemand wird einen einstellen, dafür sorgen schon die kanadischen Arbeitsschutzgesetze.
Wenn ich heute so zurück schaue, dann stelle ich fest, dass wir uns gut und sehr lange vorbereitet haben und vorort durch unsere vielen Verwandten viel Unterstützung und Zuspruch haben. Wir sind gut und breit angelegt ausgebildet und sprechen recht gut englisch und auch etwas französisch. Und trotz unserer intensiven vorherigen Recherchen und guten Voraussetzungen sind wir eigentlich doch fast schon etwas zu optimistisch hierher gekommen. Wir hatten uns vieles doch noch etwas leichter vorgestellt und wollten heute eigentlich schon viel weiter sein. Im Luxus-Standard (wenn es so etwas gibt) sind wir deutlich um einige Punkte zurück gefallen. Unser „Wohlfühl-Mittel“ ist allerdings um mindestens 100% gestiegen.
Heute – im März 2010 - wohnen wir in einem hübschen Haus in der Natur kurz vor Winnipeg. Unsere Kinder fühlen sich in den kanadischen Schulen wirklich superwohl. Obwohl sie auch in Deutschland nie irgendwelche Schwierigkeiten hatten, habe ich nie zuvor erlebt, dass mein Sohn morgens beim Wecken aus dem Bett springt und freudig schreit: „YIIIIPIIIIEEEEH, SCHULE!“ Unsere Kinder lernen hier wirklich mit Spass und Deutsch sprechen sie nur noch Zuhause, uns zuliebe. Untereinander sprechen unsere Kinder schon jetzt nur noch Englisch. Wir haben hier auch wirklich supernette (natürlich kanadische) Nachbarn, die wirklich zu jeder Zeit helfen kommen wollen, auch wenn man nicht ausdrücklich um Hilfe bittet.
Wir haben hier alles gefunden, was wir zu einem guten Leben brauchen, fühlen uns sehr wohl, lieben das Wetter hier ebenso wie den unbeschreiblichen kanadischen Himmel und die Gemütlichkeit der meisten Kanadier. Und für die Zukunft haben wir noch große Pläne. Ja, ich glaube, das ist das Wesentliche, dass man hier viele Möglichkeiten hat, im Gegensatz zu Deutschland, wo alles viel zu überreguliert ist. Hier ist Land, viel Raum, viele Möglichkeiten, und dadurch auch die Möglichkeit noch Pläne für die Zukunft zu machen.
Ob es einfach werden wird? Ganz sicher nicht, soviel wissen wir schon. Aber wir sind wie immer optimistisch, dass wir das schon schaffen werden. „Man muss nur richtig wollen!“ hat mein Großvater immer gesagt. Recht hat er!

