Neue Heimat Vancouver
Neue Heimat Vancouver
Kapitel 1
„Eine Reise von tausend Meilen beginnt mit einem einzigen Schritt.“ - Lao-tse
Das folgende Bekenntnis zum Leben, wurde im Gepäck eines kanadischen Soldaten gefunden, der an einem Dezembertag des Jahres 1943 bei Ortona in Oberitalien gefallen ist: „Ein Vogel hatte für mich gesungen. Ich habe heute am starken Stamm eines lebenden Baumes gelehnt. Heute ist mir eine kleine Eidechse über die Hand gelaufen. Also bin ich nicht allein. Wenn ich wieder nach Kanada komme, will ich mich dessen erinnern. Ich will alles Leben lieben, denn alles Leben ist in Wahrheit eins. Ich will nie mehr zerstören, wenn auch der Mensch zerstörerisch ist. Dies ist mein Traum, dass wir Menschen lernen, in Harmonie zu leben, nicht nur miteinander, sondern mit allem, was lebt."
In loving memory of our mother, who came here to enjoy the people and the sunsets!
- In liebevoller Erinnerung an unsere Mutter, die hierher kam, um die Leute und die Sonnenuntergänge zu genießen!
Einer meiner Lieblingsplätze in Vancouver ist der Jericho Beach Park im Stadtbezirk Kitsilano. Dort, mitten im Park, umgeben von Grün auf einer Wölbung befindet sich eine Bank mit dieser eingravierten Inschrift. Auf eben dieser, wo ich nur allzu gern Platz nehme, zum Buch greife oder die Leute beobachte, genieße ich den vor mir liegenden Anblick. Das weite blaue Meer, dahinter den Stanley Park und North Vancouver. Im Hintergrund die durch die Wolken mystisch aussehenden Berge und zu meiner Rechten der unvergleichlich schöne Blick auf die Skyline. Auf diesen Anblick werfen die goldenen Sonnenstrahlen ihr Licht und tauchen alles in ein schönes, warmes, dunkles Rot. Sonnenuntergang in Vancouver. Die Sonne versinkt im Meer zwischen der UBC-Halbinsel und den Bergen im Norden.
Hier bin ich, Ricci, mit meinem weinenden Geldbeutel, den ein Flug nach Vancouver mit sich bringt. Frisch gelandet auf kanadischen Boden, ist der Flughafen, gesäumt mit einem Teppich und geschmückt mit einem Wasserfall, sehr hübsch anzuschauen.
Schon eine Legende im Kindergarten, wird es nun Zeit, zum Volk zu sprechen. Frisch geduscht, rasiert und eingecremt bette ich mich ins frisch bezogene Bett. Stelle den Wecker auf Acht und stehe dann doch um Elf auf. Bei der Zufuhr meines morgendlichen Cappuccinos frage ich mich, warum meine Motivation unbekleidet und mit einem Cocktail in der Hand durch den Park läuft, wo die Zeit geblieben ist und wie ich meine Träume verwirklichen kann. Ich besitze die Fähigkeit, in den ungünstigsten Momenten, das Unpassendste zu sagen, welches nur noch durch mein Talent der verrückten Einfälle übertroffen wird. Ansonsten versuche ich Menschen, Tiere und Natur keinen Schaden zuzufügen. Ich habe die Dokumentation Earthlings gesehen und esse nichts, was ein Gesicht hat, ausgenommen Fisch. Wenn Manu und ich uns streiten gibt es immer zwei Standpunkte, meinen und den falschen.
In einem englischsprachigen Land ist die Kommunikation nicht mehr ganz so einfach wie in Good Old Germany. Während sich mein Gesprächspartner in einem Redeschwall erbricht, denke ich immer nur so... hä! Es ist ja nicht so, als würde ich nicht zuhören, es ist nur so, dass ich nichts verstehe! Also stehe ich da und grinse blöd. Wenn er nicht die Flucht ergreift, versucht er es mit einem anderen Gesprächsthema. Doch inzwischen habe ich mir zusammengereimt, was er davor gesagt haben könnte und antworte ein Gemisch aus unpassenden Wörtern mit nicht zusammenhängenden Sätzen, was etwas völlig Idiotisches ergibt und ihm plötzlich einfällt, dass er einen wichtigen Termin hat und sich aus dem Staub macht. Aber die Sprache lernt man am besten im Land selbst, womit ich das Wort an Domi übergebe, während ich mir einen Gesprächspartner suche, den ich blöde angrinsen und etwas Idiotisches erzählen kann.
„Wie ich Dich vom Aussehen beschreiben würde...? Puh, das ist gar nicht so einfach. Den Charakter zu beschreiben wäre da schon etwas einfacher. Auf jeden Fall bist Du ein Engel. Allerdings hat wohl jeder eine andere Vorstellung, wie ein Engel aussieht. Manche sagen, Du hättest eine gewisse Ähnlichkeit mit Sandra Bullock. Auf jeden Fall bist Du sexy, sowohl elegant als auch sportlich, charmant und fröhlich, was zwar innere Werte sind, diese sich aber stark auf das Äußere übertragen, dynamisch,... hm... unbeschreiblich! Du hast braune Augen und wunderschöne braune Haare. Du brauchst kein Make-up um gut auszusehen, Du hast eine natürliche Schönheit.“ - „Ich hab die Haare schön, ich hab die Haare schön...!“
Manu, meine bessere Hälfte, ebenfalls mit mir angekommen, hat Schwierigkeiten die zwei überfüllten Rollwagen durch das Flughafengebäude zu schieben. Auf dem ersten sind unsere fünf Koffer kreuz und quer gestapelt. Manus Technik, den kleinsten als Fundament nach unten und den größten nach oben zu legen, will mir nicht ganz einleuchten. Allerdings bin ich klug genug, die Strategie nicht anzuzweifeln, um den Weltfrieden nicht zu gefährden.
„Schätzelein, wie wäre es mit einem Kurztrip übers Wochenende?“ - „Warte, ich pack nur schnell meine drei Koffer.“
So war es gewesen und nun wird mir beim Anblick dieser fünf Koffer bewusst, wie wenige Sachen wir tatsächlich dabei haben. Alles was uns noch geblieben ist, befindet sich in diesen Koffern, auf diesem Rollwagen. Was immer wir besessen haben, haben wir verkauft, verschenkt oder weggeschmissen. Was meine Klamotten angeht, so habe ich versucht, so viel wie möglich in die Koffer zu quetschen, der Grund, warum einer aufgeplatzt zu sein scheint. Aber es ist egal, wie viel ich dabei habe, schaue ich in meinem Kleiderschrank, dann finde ich sowieso nichts zum Anziehen und wenn doch, haben sich diese kleinen Tierchen, genannt Kalorien, über Nacht an meinen Sachen zu schaffen gemacht und sie enger genäht.
„Warum muss meine Freundin zwei Koffer voller Bücher von Deutschland nach Kanada transportieren?“, fragt Manu fluchend. Neben meinen Klamotten habe ich noch so viele Bücher wie möglich mitgenommen: „Weil die Freundin hier eine deutsche Buchhandlung eröffnen möchte“, sage ich und lasse ein süffisantes Lächeln, welches meinen Worten Lüge straft, auf meinen Lippen erscheinen. „Genau, warum sollen Leute auch Bücher in der Sprache lesen, die sie verstehen?“ - Wenn ich ein Buch lese, tauche ich ein, in eine andere Welt. Ich werde zum Teil der Geschichte und lerne die Menschen kennen, lache und weine mit ihnen und wenn sich das Buch dem Ende neigt, fällt es mir schwer wieder Abschied zu nehmen, doch so habe ich sie immer bei mir.
Auf dem zweiten Rollkoffer befinden sich unsere beiden Tierboxen. Mit uns haben diese große Abenteuerreise angetreten: Leila, vom Stamm der Golden Retrieverinnen, und Idi, vom Stamm der rothaarigen Hauskatzen. Nuffel, unseren etwas größer geratenen und schwarz-weiß gefleckten Kater, haben wir bei lieben Freunden untergebracht. Aufgrund der höheren Umstände (soll heißen, die Regeln der Fluggesellschaft, die nur ein Tier pro Passagier erlauben), wird er uns etwas später mit dem ersten Besuch heimsuchen.
„Ich hoffe, Du hast auch Klamotten von mir dabei?“, fragt Manu. „Ja eine Unterhose von Dir müsste sich zwischen der Seite 100 und der Seite 101 im Harry Potter Buch befinden.“ Ich lächle ihn an! Gedanken an seine, auf der Wäscheleine baumelnden, Sachen kommen mir in den Sinn. Jetzt weiß ich wieder, was ich vergessen habe. Doch, bin ich mir sicher, das Problem mit einer Shoppingtour mit Manu, die mit einem Kampf gegen einen Haifisch vergleichbar ist, aus der Welt zu schaffen.
Manu ist umkippen, runter werfen, umrennen, stolpern, gegen laufen und vergesslich: „Schätzelein, hast Du meinen Schlüssel gesehen?“ – „Schätzelein, weißt Du wo mein Portemonnaie ist?“ – „Schätzelein, ich glaube ich kann mein Gehirn nicht finden. Sag mal, hatte ich schon jemals eins?“
Manu sagt NEIN zum Alkohol und Zigaretten, aber die hören ihm einfach nie zu. Er ist 183 Zentimeter groß und als er noch jung war, hieß das Happy Meal noch Juniortüte. Auf seinem Kopf wächst ein wilder Wuchs von rotem Haar und er ist der Inbegriff des Traums von grünen Augen.
Unsere erste „Amtshandlung“ ist die Abholung unseres Leihautos, welches wir über das Internet in Auftrag gegeben haben. Am Schalter angekommen, bekommen wir die Autoschlüssel für unseren Dodge ausgehändigt. Unser Auto, welches uns im Parkhaus noch riesig erscheint, verliert auf den kanadischen Straßen an Größe. Links, rechts, neben sowie hinter uns fahren Autos, auf deren Anhänger wir problemlos einparken könnten. Wir befinden uns auf den Weg zu unserer neuen Wohnung. Über das Internet – craigslists - haben wir eine Wohnung in Richmond, einem Stadtteil außerhalb von Vancouver, gefunden. Es war nicht leicht, eine Wohnung zu finden, wenn man nicht vor Ort ist und einen großen Hund besitzt. Nach einigen Absagen hatten wir unsere Suche außerhalb von „Van“, wie Vancouver liebevoll im Volksmund genannt wird, ausgedehnt und waren fündig geworden. Wir treffen in Richmond ein und fühlen uns wie in Little Asia. Auf der einen Straßenseite befinden sich eine asiatische Bank mit asiatischen Schriftzeichen sowie ein Werbeschild für „All you can eat-Sushi“. Auf der anderen Seite schmücken asiatische Friseure und Geschäfte die Straßen.
„Einfach super! Wir, zwei hellhäutige Langnasen, sind im Schlitzaugenland gelandet. Jetzt hilft nur noch eins. Autofahlen verlelnen und kein R mehl splechen. Und immel schön lächeln.“ - „Sag mal Schatz, wenn Asiaten Fernsehen schauen, sind sie dann Telekinesen?“ Wir lachen, als wir von der Hauptstraße in die Nebenstraße einbiegen und sich uns endlich die typisch amerikanischen Häuser offenbaren. Klassisch amerikanische Häuser unterscheiden sich von den deutschen durch die typischen Schiebefenster und der verwinkelten Dachlandschaft, was den Häusern ein einmaliges Flair verleiht. Ein weiteres Merkmal ist die überdachte Veranda an der Vorderfront des Hauses. In Amerika und Kanada lebt man zur Straße hin und genießt den Abend in einer Hollywoodschaukel mit Freunden oder einem Buch. Dabei ist es den Amerikanern vollkommen egal, wie ihr Haus von hinten aussieht.
Laut der Hausnummer stehen wir vor unserem neuen Haus und sehen eine beeindruckende Vorderseite mit einer überdachten Veranda und einem gepflegten Garten. Wir treffen auf unsere neue Vermieterin namens Anala. Unser Haus hat zwei Etagen, die untere werden wir bewohnen und Anala die obere. Hinter dem Haus befindet sich ein weiterer Garten mit einer Partyzone und unserem Eingang. Beim Betreten unserer Wohnung stehen wir direkt in der Küche und sind vom Anblick erst einmal geschockt. Ich hatte schon gehört, dass Einbauküchen in Kanada älterer Natur wären. Allerdings musste diese hier noch vor dem Krieg entworfen worden sein, was auch die enorme Größe erklären würde. Ohne Probleme könnte man in diesem Kühlschrank einen Menschen verstecken.
Als ich 16 Jahre alt war, musste ich mich einmal in einem Kleiderschrank verstecken. Ich war zu Gast bei meinem damaligen Freund, der in einem Jugendheim wohnte, in dem die Besuchszeiten streng festgelegt waren, wovon wir uns aber nicht beeindrucken ließen. Der Betreuer, der mich nicht hatte rausgehen sehen, wollte nachschauen, ob ich auch gegangen war. Also versteckte ich mich in Tims Kleiderschrank. Tims Mitbewohner, neugierig ob das Szenario klappen würde, nahmen im Zimmer Platz und so fand der Betreuer eine lustige Männerrunde vor. Als er sich gerade zum Gehen wenden wollte, musste ich niesen. Den Rücken schon zu uns gedreht, wünschte er frei in den Raum hinein: „Gute Besserung.“ - Und frei aus dem Raum schallt es von jedem: „Danke schön.“ Verblüfft drehte er sich herum und fragte: „Wer hat denn jetzt genossen?“ Alle antworteten: „Ich!“
Links von der Küche befindet sich ein Raum ohne Heizung, dafür aber mit einem begehbaren Kleiderschrank. Diese Dinger sind echt wunderbar. Total Platz sparend, bieten sie eine Menge Raum, um haufenweise Klamotten unterzubringen und trotzdem nichts zum Anziehen zu finden. Rechts von der Küche befindet sich ein weiterer Raum, den wir als Wohnzimmer nutzen werden. In diesem Zimmer existiert dann auch die vermisste Heizung in Form eines Lüftungsschachts, durch den die warme Luft in den Raum geblasen wird. Die Toilette liegt zwischen dem Wohnzimmer und unserer Küche und scheint aus demselben Jahrhundert wie die Küche zu stammen.
Der Flug war ruhig verlaufen, denn es war mir gelungen keine Panik auszulösen. Auf dem Flug von New York nach Frankfurt war mir einmal ein kleines Missgeschick passiert. Es war mein erster Nachtflug und ich war dabei aus dem winzigen Bullauge zu schauen, als ich ein rotes Licht am Flügel aufleuchten sah. Sofort unterrichtete ich den Teil der Passagiere, die sich unmittelbar in meiner Nähe befanden, dass es aussah, als würde der Flügel brennen. Diese Neuigkeit machte wirklich schnell die Runde. Kurze Zeit danach hatten alle an Bord davon Kenntnis genommen und waren in Panik geraten. Im nächsten Moment bemerkte ich meinen Fehler. Es brannte keinesfalls, es handelte sich lediglich um das Licht des Flügels, welches bei Nacht angeschaltet wurde. Die Stewardessen hatten alle Hände voll zu tun, die Passagiere zu beruhigen.
Diesmal war ich froh, in meinen Sitz zu fallen. Kaum oben angekommen, schwelgte ich schon in den tiefsten Träumen. Die letzten zwei Tage hatten wir damit zugebracht, unsere Wohnung aufzulösen und unsere Abschiedsparty zu feiern. Beides hatte uns konsequent am Schlafen gehindert. Dazu kam die Traurigkeit, all die lieben Menschen zurück zu lassen, die wir eine längere Zeit nicht sehen würden.
Es ist vier Uhr morgens, als wir senkrecht und hellwach im Bett sitzen und aus dem Fenster in absolute Dunkelheit schauen. Wir beginnen uns anzuziehen und unseren ersten Erkundungstrip durch Richmond zu starten. Bei Starbucks schnappen wir uns einen Kaffee und fahren weiter zum Stadtkern, bei dem wir positiv durch die Fülle an Geschäften überrascht werden. Allerdings haben auch Geschäfte in Kanada nicht nachts auf, um durch Jetlag geplagte Kunden Unterhaltung zu bieten, weshalb wir weiter zum Strand fahren und das erste Mal das Meer in Vancouver genießen.
Soweit ich meinen Recherchen trauen kann, entstand Vancouver im Jahre 1860 durch eine große Anzahl von Menschen, die sich niederließen, um nach Gold zu suchen. Aufgrund der hohen Preise, die mich nach Luft schnappen lassen, wenn ich sie mit dem von uns mitgenommenen Geldbetrag vergleiche, der rapide abzunehmen scheint, hat es den Anschein, als wären einige fündig geworden! Ganz zu schweigen von dem Drittel Millionäre, die hier leben. Aber wer möchte auch nicht an der schönen Westküste von Kanada wohnen, an der das Klima mild und der Regen ein Dauerabo zu haben scheint. Wäre da nur noch mein Problem mit dem ständigen Abhandenkommen meines Regenschirmes in den Griff zu bekommen. Entweder ich vergesse ihn zu Hause oder ich lasse ihn irgendwo liegen. Letzteres passiert andauernd. Sollte ich mal zu einem Vermögen kommen, würde es sich nach und nach in Regenschirme verflüchtigten.
Das alles wollte ich in Kauf nehmen, als ich mich für Vancouver entschieden hatte, denn nach Los Angeles und New York ist diese Stadt der drittwichtigste Standort der nordamerikanischen Filmindustrie und wird als Hollywood North bezeichnet.
Es war Anfang des Jahres 2008. Mein großes Ziel, seit ich mich von den Windeln losgesagt hatte und durch Plappern meiner Familie den ganzen Tag auf die Nerven ging, war, dass ich Schauspielerin werden wollte. Natürlich wird solches Gerede von den Eltern nie oder nur in den seltensten Fällen ernst genommen oder noch schlimmer, darauf hingewiesen, dass es sich um einen nicht sicheren Beruf handelt und man lieber etwas langweiliges und sicheres wie Jura studieren sollte. Für jedes Kind absolut verständlich. Mittlerweile war ich 29 Jahre, benötigte keine Windeln mehr und verfügte immer noch über das Talent, Leute mit meinem Gequatsche zu nerven. Ich hatte einen noch langweiligeren Studiengang, den der Informatik, gewählt und nebenher eine Ausbildung in der Schauspielereikunst absolviert. Ansonsten hatte sich noch nichts getan und das wollte ich ändern. Ich fasste den Entschluss, nach Hollywood zu gehen um das im Leben zu tun, wovon ich immer geträumt hatte.
Als Manu an diesem Abend nach Hause kam, platzte ich mit der Neuigkeit heraus: „Ich will nach Hollywood gehen und Schauspielerin werden.“
„Klar, und ich in den Weltraum, Astronaut.“
„Nein, ich meine es ernst.“
„Ich auch.“
In den nächsten Wochen sah er mich im Internet recherchieren, indem ich Informationen zusammen trug, was alles notwendig war, um in die Vereinigten Staaten von Amerika einzureisen. Ihm kam der Verdacht, dass ich es ernst meinte und ihm wurde übel: „Ich finde wir sollten reden“, fing er an.
„Du bist auf einmal so blass. Geht es Dir nicht gut?“
„Himmelherrgott, wir können doch nicht einfach nach Los Angeles gehen.“
„Das stimmt, das wäre ein bisschen, WEIT, – aber wir können fliegen.“
„Fliegen! Wir können da auch nicht hinfliegen. Ich bin mitten im Studium, vielleicht in zwei oder drei Jahren. Wir kennen da keinen und die Stadt ist so groß.“
„Du brauchst doch nur noch deine Diplomarbeit und die kannst du auch dort absolvieren.“
„Lass uns erst einmal Informationen einholen und dann sehen wir weiter.“
„Ich hole jeden Tag Informationen ein.“
„Ich werde nicht mitkommen. Ich kann das nicht“, platzte es aus Manu heraus. Das traf mich hart und die nächsten Tage ließ ich meine Recherchen sein. Doch mein Traum hatte Gestalt angenommen und um glücklich werden zu können, musste ich gehen, wenn nötig auch allein. Ich unterrichtete Manu von meiner Entscheidung und widmete mich wieder meinen Recherchen. Nach einer Woche bemerkte er: „Ich kann dich nicht allein gehen lassen. Ich möchte mit dir alt werden und wenn du das nur in Los Angeles kannst, dann gehen wir halt dorthin.“
Trotz allem fand er nie wieder zu seiner normalen Gesichtsfarbe zurück. Er ließ sich dazu motivieren, mit mir zusammen Recherchen anzustellen und Bewerbungen loszuschicken. Jedoch hegte er im Stillen die Hoffnung, nicht genommen zu werden und kein Visa zu bekommen. Manus Hoffnungen wurden erfüllt. Nach einem halben Jahr unendlich vieler Bewerbungen hatten wir nicht eine Zusage und ohne eine Zusage, gab es kein Arbeitsvisa. Ich musste einsehen, dass es wohl einfacher war, aus dem früheren Hochsicherheitstrakt Alcatraz auszubrechen, als ein Visum für die Vereinigten Staaten zu bekommen. Doch mein Traum hatte sich manifestiert und ich fing an mein Ziel weiter auszudehnen. Ich stolperte über Informationen von Kanada und ein zweiter jahrelanger Traum tauchte vor meinem Auge auf. Es dauerte sechs Wochen und wir hatten unsere Arbeitserlaubnis. Als ich das erste Mal über Vancouver las, überfiel mich ein Kribbeln am Körper und ich wusste, das würde unsere neue Heimat sein. Als ich mehr Erkundigungen einholte, erfuhr ich von Hollywood North. Ich hatte es also geschafft, ich war nach Hollywood gekommen und hatte gelernt, dass man nie aufgeben darf, für seine Ziele und Träume zu kämpfen.
Kapitel 2
„So werden wir immer mehr zu rastlosen, gehetzten, genusssüchtigen Wesen, die stets daran denken, dass sie etwas verpassen, wenn sie auch nur für einen Moment inne halten!“
Die letzten warmen Sonnenstrahlen dieses Sommers erwärmen die Erde und ich erfreue mich an einem langen Spaziergang entlang des Strandes. Wellen, die sich an Felsen brechen, Möwen, die im Seewind gleiten, Weißkopfseeadler, die sich auf einer Sandbank niederlassen und ein kleiner Seehund, der seinen Kopf neugierig aus dem Wasser streckt und zu mir herüber schaut. Ich setze mich auf einen Baumstamm und lasse meinen Blick auf dem Meer verweilen, in dem der Seehund schwimmt und der Weißkopfseeadler majestätisch seine Flügel hebt, um in den Himmel aufzusteigen. Einer der vielen Momente, in der die Zeit stehen zu bleiben scheint, in der die Welt aufhört sich zu drehen und sich in ihrer Vollkommenheit zeigt. Einer der Augenblicke, in dem die Welt mir gehört. Das sind die Erlebnisse, aus denen ich mehr Kraft ernte, und die Hoffnung auf Erfolg, Wohlstand und Anerkennung.
Nachdem wir aufgrund des Jetlags nicht mehr schlafen konnten, die Gegend unsicher gemacht haben und am Strand geblieben sind, ist es mittlerweile hell geworden und der Trubel der Stadt nimmt seinen Lauf. Der Magen und der Kühlschrank sind leer und so bleibt uns nur eines zu tun. Beim Betreten des Einkaufsmarktes steigt uns ein leicht süßlicher Duft in die Nase, der uns in die Gemüseabteilung begleitet. Ich beginne Melonen, Kiwis und Avocados zu drücken und als ich mich den Bananen zuwenden möchte, ist Manu verschwunden. Ich finde ihn mit träumerischen Augen in der Junkfood-Abteilung, die den Hauptteil des Ladens ausmacht. Völlig fassungslos steht er vor dem Regal mit dem Frühstückscerealien. Ich sehe hin und kann nicht fassen, dass es an die Hundert verschiedene Sorten gibt.
Selbst heute, wenn ich Manu mal wieder dort weg zerre, fallen mir Produkte ins Auge, die ich davor noch nie gesehen habe, die aber, weil sie nicht als „New Item“ ausgezeichnet sind, schon länger da gewesen sein müssen. Cinnamon Rolls, Marshmallow Brotaufstrich, Twinkies, Chips und Cookies. Kanada, das Land der Cookies. Es gibt rote, grüne, blaue und schwarze; es gibt Cookies mit Schokolade, Erdnüssen, Zuckerglasur oder Zimt. An besonderen Tagen gibt es Halloween-, grüne St. Patricks Day- und Christmas-Cookies. Ab und zu kaufen wir einige von diesen Produkten, um festzustellen, wie gut ungesunde Nahrung schmeckt und wie zuviel davon Bauchschmerzen verursacht. Und jedes Mal nehmen wir uns vor, so etwas nie wieder zu kaufen, bis wir den Einkaufsmarkt betreten, uns im Paradies befinden, leise Musik uns einhüllt, der Geruch von Zimt einem in die Nase steigt und Produkte mit ihren bunten Gesichtern uns angrinsen.
Neben vielen anderen Produkten wollen wir heute eine Ananas kaufen und stellen fest, dass auch das Obst in Kanada ein Vermögen kostet. Allerdings frage ich mich warum, denn die Produkte stammen aus Kalifornien, einem nicht weit entfernt liegenden US-Bundesstaat. Auch ist davon auszugehen, dass der Diamant, der den Preis rechtfertigen würde, nicht in der Ananas zu finden sein wird. Ein Schild mit der Aufschrift „Buy one and get one free” bedeutet, kaufe eine Ananas und bekomme eine Zweite kostenlos dazu. Ein tolles Angebot, aber ich neige dazu, nur eine Ananas kaufen zu wollen und bin gespannt, ob ich sie um die Hälfte billiger bekomme oder gezwungen werde, den vollen Preis zu bezahlen. Ich muss nicht bis zur Kasse warten, an der ich es vielleicht schon wieder vergessen hätte, weil mein Kurzzeitgedächtnis immer nur von 12 Uhr bis mittags funktioniert. Manu entdeckt ein Schild mit der Auszeichnung 2.50 Kanadische Dollar für eine Ananas. Nach ein paar Stunden und mit einem vollen Einkaufswagen kommen wir an die Kasse, an der wir mit langen Schlangen und Geduld konfrontiert werden. Wir stellen uns in der kleinsten Schlange an. Nach 30 Sekunden werde ich hibbelig und wippe hin und her, nach 40 Sekunden trommle ich mit den Fingern und fange an hin und her zu laufen, nach 54 Sekunden verdrehe ich meine Augen und lasse ein Grummeln á la Marge Simpson frei. Vor mir befindet sich eine alte Frau, die an die Reihe kommt und mit der Kassiererin erst einmal ein Schwätzchen beginnt.
„Ich komme jeden Tag hierher, denn es ist so wunderschön hier.“
Ich schaue an die Decke und fange an von 100 rückwärts zu zählen. Als ich bei 60 angekommen bin, fängt die ältere Dame an, in ihrer Tasche zu kramen und das Kleingeld zu zählen: „25, 30, 55, 60, 61, 63, 65, 67, 68…“
Als sie es der Kassiererin geben möchte, fällt es ihr aus der Hand. „Auch das noch“, sage ich zu Manu und stelle fest, dass alle anderen Kassen, mit den viel längeren Schlangen schon längst durch sind. Wir helfen der Oma das Kleingeld aufzuheben und geben es der Kassiererin, die feststellt, dass ein Cent fehlt und die Oma erneut in ihrer Tasche kramt.
Als wir an der Reihe sind und die Ananas gescannt wird, leuchtet ein Betrag von 5 Dollar auf. Wir weisen die Kassiererin darauf hin und sie verschwindet mit der Ananas im Kundencenter. Ich schaue in die hinter mir wartenden Kunden und suche nach jemandem, der an die Decke starrt und von 100 rückwärts zählt. Aber alle schauen total relaxt und freundlich. Der Kundendienst fordert Manu auf, ihm das Schild zu zeigen, während ich schnell den Einkauf bezahle und fleißige Händchen, die nicht mir gehören, meinen Einkauf einpacken. Als die beiden zurückkommen, sagt der Kundendienst, dass wir die Ananas umsonst bekommen, ein kleiner Bonus, weil wir das Schild entdeckt haben, was eine Aktion von vor zwei Wochen ausgezeichnet hat. Ich überlege und sage: „Was ist mit der Ananas, die es zu der ersten gratis dazu gibt.“ Stolz und voller Freude verlassen wir ein paar Minuten später mit zwei kostenlosen Ananas den Laden!
Eines von den Dingen, ohne die ein Kanadier nicht leben kann, ist sein Auto und der in ihm befindende, lebenswichtige Becherhalter. Weil ich mein Auto, einen schicken schwarzen Audi A3, in Deutschland zurück lassen musste, erschütten sich gerade Krokodilstränen in Form von Regengüssen über Vancouver und machen mich, die ich gestern am Strand meinen Regenschirm verloren habe, bis auf die Haut nass. Drei Tage sind vergangen, unser Leihauto befindet sich in den Händen eines neuen Fahrers und wir machen uns auf die Suche nach einem fahrbaren Untersatz, den wir unser eigen nennen können! Unsere erste Anlaufstelle ist ein Autohändler, der scheinbar das Medikament „Ich-bin-immer-glücklich-freundlich-und-grinse-am- laufenden-Band“ eingeschmissen hat und gern gewillt ist, uns die nötigen Informationen aus erster Hand zukommen zu lassen. 2000 Dollar haben wir für den Kauf eines Wagens eingeplant und im Gegensatz zu Good Old Germany bekommt man dafür ein richtig gutes Auto. Der einzige Nachteil besteht bei einem privaten Autokauf, dass es gestohlen sein könnte, weshalb es wichtig ist, dass der Verkäufer alle Papiere mit sich führt, weil man anhand der, in den Papieren angegebenen Autonummer, herausfinden kann, ob das Fahrzeug als gestohlen gemeldet wurde. Kauft man einen gestohlenen Wagen, so ist man sein Geld und einige Tage später auch den Wagen los, den die Polizei abholen kommt, um ihn seinem rechtmäßigen Besitzer zurück zu bringen. Wir durchsuchen die Craigslists Seite und werden fündig. Unser erstes Interesse gilt einem roten Dodge, der von einem deutschen Ehepaar verkauft werden soll. Wir verabreden uns um drei Uhr an der Automall, verlassen um halb drei das Haus und treffen auf unsere Vermieterin, die mit Heckenschneiden beschäftigt ist.
„Hi, Anala, kannst Du uns den Weg zur Mall erklären, wir wollen uns ein Auto anschauen?“, fragt Manu.
„War es nicht eine Automall?“, frage ich an Manu gewandt.
„Das ist doch dasselbe“, sagt er und schaut mich an, als sei ich gemeingefährlich dumm.
„Wie wollt ihr dorthin kommen?“
„Eigentlich wollte ich einen Flug buchen, aber die Fluggesellschaft war der Meinung, dass es Probleme bei der Landung inmitten einer Mall geben könnte. Ein Zug fährt, auch nicht dorthin, was wohl an den fehlenden Schienen liegt und da mich keiner jemals dazu bringen wird auf einem Motorrad mitzufahren, bleibt uns nur die Möglichkeit des Laufens“, erwidere ich.
„LAUFEN?“ Sie schaut uns als, als würden wir einen Banküberfall planen. „Ja ich weiß, das klingt total absurd. Aber ich wollte immer schon einmal wissen, wofür diese langen Beine an meinem Körper noch sind, außer mich größer und unglaublich gut aussehen zu lassen.“
„Das ist zu weit. Ich werde Euch fahren.“
Vancouver teilt die Menschen in zwei Kategorien ein: Die einen, die nie zu Fuß gehen, selbst wenn sie beim Nachbarn im Nebenhaus eingeladen sind. Die, die auch ihr Auto anlassen, während sie mal kurz in die Post, Tankstelle oder in den Supermarkt huschen, und mich, die ich immer gewillt bin, die Umwelt zu schützen, und die anderen, naturverbundenen, die mit dem Fahrrad fahren, joggen, wandern, Ski fahren und für jede sportliche Aktivität zu haben sind.
„Zu welcher Mall?“, fragt Anala?
„Gibt es etwa mehrere?“
„Es gibt zwei Malls hier in der Nähe.“
„Wir müssen zur Mall an der Straße Nummer 5, Ecke Steveston.“
„Dort gibt es keine. Es gibt einmal eine an der Straße Nummer 5, Ecke Westminster, und einmal eine an der Straße Nummer 3, Ecke Steveston.“
„Straße Nummer 5, Ecke Westminster“, sagt Manu mit dem Brustton der Überzeugung.
„Du weißt es noch?“, frage ich überrascht.
„Nein! Aber wir können ja nur zu einer von beiden fahren!“
Wir fahren drei Minuten und warten über eine Stunde, bis wir wieder enttäuscht nach Hause laufen und überlegen, warum die eben gesehene Einkaufsstraße, die auf beiden Seiten mit Geschäften aneinander reiht und mittendrin von Parkplätzen überseht ist, als Automall bezeichnet wird. Zu Hause angekommen, werden wir mit einer Mail voller Vorwürfe und Beleidigungen konfrontiert. Anstatt dieser Reaktion, hätte der Verkäufer einfach mal durchrufen oder mailen können, was schief gelaufen ist. Jedenfalls haben wir kein Interesse mehr an diesem Auto. Unser nächstes Augenmerk gilt einem beigefarbenen Ford Winstar, der von einer kanadischen Frau angeboten wird. Wir verabreden uns für denselben Abend an der gleichen Mall. Vorgewarnt, schreibe ich exakt die beiden Straßen, an denen sich die Mall kreuzt. Wieder warten wir über eine Stunde lang vergebens. Was ist bloß los mit diesen Malls? Wir wollen doch nur ein Auto kaufen und haben kein Blind Date, bei der die Verabredung heimlich durch die Scheibe sieht, feststellt, dass die Beschreibung „blond, schlank und gut aussehend“ keinesfalls auf die wartende Person zutrifft und sich schnell wieder aus dem Staub macht.
Zu Hause angekommen entnehme ich der erneuten Mail, dass sie meine zu spät gelesen hat und an der anderen Mall gewartet hat. Sie würde es gern noch einmal probieren und so sehen wir uns endlich am nächsten Tag. Ich bin wirklich froh, dass nun auch mal jemand kommt. Die Gefahr verhaftet zu werden, darf hier nicht unterschätzt werden.
„Officer, was wird mir vorgeworfen?“
„Prostitution!“
„Wie kommen Sie denn darauf?“
„Sie standen mehr als einmal an ein und derselben Straßenecke.“
„Na dann haben Sie mich wohl auf frischer Tat erwischt. Bekomme ich Strafnachlass, wenn ich die Peitsche zu Hause gelassen habe?“
Ich weiß nicht, wie Profis ein Auto kaufen, aber ganz sicher nicht so, wie wir es getan haben. Aufgrund dem guten Aussehen des Autos, der überzeugenden Nettigkeit der Dame, dem Vorhandensein aller Papiere und der guten Funktionsfähigkeit des Motors, fuhren wir zwei Minuten lang um den Block und kauften das Teil.
Mit unserem Schlachtross unternehmen wir unseren ersten Ausflug und das obwohl der Motor sich anhört, als hätten wir die Kreissäge auf der Rücksitzbank angelassen. Über die Cambie Brücke fahren wir nach Downtown rein und werden mit einem Anblick von hohen Glasbauten, sauberen Straßen, angesagten Restaurants und Luxusläden belohnt. „Glamour Downtown“ lässt grüßen. Beim Hinausfahren Richtung Norden gelangen wir zum größten Stadtpark in Kanada, dem Stanley Park. Durch diesen Park zieht sich ein 200 Kilometer langes Netz an Spazierwegen und wir sind nicht minder überrascht, als wir vielen Fußgängern und Joggern begegnen. Ein großes Highlight im Stanley Park ist das Aquarium, welches das einzige in ganz Kanada ist. Dort drinnen leben Delfine, Weißwale, Seelöwen, Seehunde und Seeotter. Für uns hat das keinen Reiz, denn Tiere, ihrer natürlichen Lebensart beraubt, damit wir sie begaffen können, tun mir einfach nur leid. Wie viel schöner ist es, Tiere in ihrem normalen Umfeld zu sehen. Sei es auch nur für eine Sekunde. Freilebende Tiere wie Waschbären, gefräßige kleine Monster, die sich ihr Futter auch einmal klauen, wenn man nicht gewillt ist, es ihnen freiwillig zu überlassen, Kojoten, Hasen und Grauhörnchen kann man im Stanley-Park beobachten.
Neu im Land angekommen, gibt es nur zwei Dinge zu erledigen, eine SI-Nummer zu beantragen und ein Bankkonto zu eröffnen. Durch die fehlende Meldepflicht, kann man sich in Luft auflösen, getreu dem Motto - Sie haben mich nie gesehen. Die SI-Nummer, Social Insurance Number, ist die Sozialversicherungsnummer. Um sich seinen Tag mit Arbeit zu versauen, ist die Beantragung der Nummer der erste Schritt in die richtige Richtung.
Wir haben vorab einige Erkundigungen eingeholt, zumal sich die einzelnen Banken in Preisen und Angeboten sehr voneinander unterscheiden. Letztendlich haben wir uns für Canada Trust entschieden und werden von einem asiatischen Mitarbeiter begrüßt. Nach einer ausführlichen Beratung erfolgt die Aufnahme der Daten, die etwas gründlicher ist und demnach auch etwas länger dauert. Als die Daten endlich soweit in den Computer eingegeben sind und der nette Asiate gerade die Enter-Taste drücken möchte, fällt der Strom aus. Der PC, die Lichter, einfach alles ist aus. Ich denke an einen Banküberfall, doch die stürmenden, maskierten Gangster bleiben aus. Nach ein paar Minuten die Nachricht, dass die Bauarbeiter auf der anderen Straßenseite eine Leitung getroffen haben und die ganze Straße lahm gelegt haben. Der nette Angestellte animiert uns, andere Besorgungen zu erledigen und später wieder zu kommen und so machen wir uns auf den Weg zum Kaffeehändler unseres Vertrauens der an der nächsten Ecke mit einem White Chocolate Mocca und einem Caramel Macchiato förmlich auf uns wartet.
Manu und ich haben uns im Studium „Allgemeine Informatik“ kennen gelernt. Er, der gewissenhafte Streber, und ich, die chaotische Schönheit, die ständig durch Quasseln die Vorlesung störte, wären uns wohl nie über den Weg gelaufen, wenn ich mich nicht bereit erklärt hätte, zu einer Party zu fahren. Im Studium zu einer Party zu fahren, ist der beste Weg, um neue Freundschaften zu schließen. Auf der Rückfahrt waren wir allein im Auto, als unser Gespräch abrupt von einem rasanten Autofahrer, der sein Stoppschild überfahrend, meinen Weg kreuzte, unterbrochen wurde. Stunden später bei der Bestandsaufnahme der Polizei gab der junge Mann bekannt, dass er jede Nacht denselben Weg fuhr und noch nie um diese Uhrzeit ein Auto seinen Weg gekreuzt hatte. Ich war gewillt, mich bei ihm zu entschuldigen, dass ich um diese späte Stunde eine nicht allzu oft befahrende Straße benutzt hatte und somit Leuten in die Quere kam, deren Ziel es war „Stoppschilder zu überfahren“. Mein schöner alter roter Golf mit Totalschaden fuhr immer noch, im Gegensatz zu seinem Neuwagen, der mit einer kleinen Beule in der Fahrertür vollkommen den Geist aufgab. Nachdem ich am nächsten Tag an die Hundert Anrufe von Manu entgegen genommen hatte, um ihm zu versichern, dass es mir gut ging, gab ich es auf und lud ihn zu mir ein. Ihm gefiel es so gut, dass er nie mehr ging.
Zurück in der Bank ist der Stromausfall beseitigt. Wir dürfen erneut Platz nehmen und die Prozedur der Dateneingabe beginnt von vorn.
Nach dem Kauf eines Wagens, muss er in einem der vielen Versicherungsbüros, erkennbar durch „Autoplan“, versichert werden. Zum Anmelden benötigt man alle Papiere, die man beim Autokauf erhalten hat. Zusätzlich bezahlt man jetzt die Steuer, die auf den Kaufpreis fällt. Dafür entfällt die jährliche Kfz-Steuer. Ein Bestätigungsschreiben der deutschen Versicherung, in dem die unfallfreien Versicherungsjahre aufgeführt sind, am besten auf Englisch, führt zu einer niedrigeren Schadensstufe. Vorausgesetzt die Versicherung ist gewillt, ein solches Schreiben auszustellen. Ich telefoniere heute noch mit der netten Dame meiner Versicherung, um ihr klar zu machen, dass ein Schreiben auf Deutsch hier einfach keiner lesen kann. Wir bekommen unsere neuen Nummernschilder ausgehändigt, die wir anbringen und los geht es. Der ganze Vorgang hat etwa zehn Minuten gedauert. Mit den neuen Nummernschildern fahren wir los, verfahren uns und landen in einem Gebiet, indem sich ein Autohaus an das nächste reiht. Wir stoppen vor einem großen Schild mit der Aufschrift „Automall“. Wir haben sie gefunden – übrigens, wie wir später herausfinden, die einzige in ganz Vancouver. Aber wie hätte Manu denn auch ahnen können, dass zwischen einer Mall, in der man einkaufen geht, zum Friseur oder zur Post und einer Automall, in der man, wie der Name schon sagt, nur Autos kauft, gravierende Unterschiede bestehen.
In diesem Land befindet sich einfach alles in unmittelbarer Nähe und so muss man nicht eine ganze Tagesreise auf sich nehmen, um sein Auto anzumelden, ganz zu schweigen von der Tatsache, dass sich eine niemals endende Schlange im Straßenverkehrsamt von Deutschland tummelt, die, hat man sie endlich überwunden, von einer total genervte Angestellten erwartet wird, die einem mitteilt, dass sie das Auto aufgrund fehlender Papiere nicht anmelden kann. Mehr als einmal hätte ich am liebsten geantwortet. „Entschuldigen Sie mich einen Moment, ich bin kurz zum Waffenhändler unterwegs, aber ich komme wieder.“
Dies sind die ersten beiden Kapitel meines Buches " Neue Heimat Vancouver", welches im naechsten Fruehjahr erscheint.
Alles weitere zum Buch auf der Website:
http://neueheimatvancouver.ricardachaos.com/
Ich freue mich ueber jeglichen Kommentar.
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